Mein Verständnis von Heilung

Nach vielen Jahren therapeutischer Arbeit, eigener Selbsterfahrung und intensiver Auseinandersetzung mit Psychologie, Trauma, Nervensystem, Körperarbeit, menschlicher Entwicklung und Spiritualität ist für mich immer klarer geworden, welche Bedingungen Heilung fördern.

Diese Seite beschreibt keine einzelne Methode.

Sie beschreibt die Haltung, aus der ich Menschen begleite.

Mein Menschenbild

Ich glaube, dass jeder Mensch mehr ist als seine Symptome, seine Geschichte oder seine Schutzstrategien.

Nach meiner Erfahrung trägt jeder Mensch einen gesunden, lebendigen Wesenskern in sich. Manche nennen ihn Seele, wahres Selbst, innere Weisheit, innere Stimme oder Herzensraum.

Für mich ist das jener innere Ort, von dem aus wir spüren können, was wirklich zu uns gehört, was uns lebendig macht und in welche Richtung unser eigener Weg führen möchte.

Belastende Erfahrungen können den Zugang zu diesem inneren Wissen überlagern. Sie können ihn aber nicht zerstören.

Deshalb verstehe ich Therapie nicht als den Versuch, einen Menschen nach bestimmten Vorstellungen zu verändern.

Therapie bedeutet für mich, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen wieder mit sich selbst in Kontakt kommen und ihrer eigenen inneren Orientierung folgen können.

Wodurch entsteht Leid?

Leid entsteht nicht nur durch das, was wir erleben.

Es entsteht häufig auch dadurch, dass wir im Laufe unseres Lebens den Kontakt zu uns selbst verlieren.

Wir beginnen, uns stärker an den Erwartungen anderer, an Ängsten, alten Überzeugungen und Schutzstrategien zu orientieren als an unserer eigenen Wahrnehmung.

Das Nervensystem kann dabei in einer dauerhaften Alarmbereitschaft bleiben. Manche Menschen erleben starke innere Unruhe, Anspannung und eine ständige Wachsamkeit gegenüber möglichen Gefahren. Andere ziehen sich zurück, erstarren, schalten innerlich ab oder verlieren zeitweise ihre Kraft.

Der Körper hält Spannung fest. Gefühle werden unterdrückt oder überwältigen. Der Blick richtet sich immer stärker nach außen und immer weniger nach innen.

Was einmal geholfen hat, eine schwierige Situation zu überstehen, kann später verhindern, dass wir uns frei und lebendig fühlen.

Wodurch entsteht Heilung?

Für mich ruht Heilung auf zwei miteinander verbundenen Säulen.

Die erste Säule ist die Rückverbindung zu jenem gesunden und lebendigen Wesenskern, der nach meinem Verständnis in jedem Menschen erhalten bleibt.

Dazu gehört die Verbindung zum eigenen Körper, zu den Gefühlen, zur eigenen Wahrnehmung, zum Herzensraum und zu jener inneren Orientierung, die uns spüren lässt, was für uns wahr und stimmig ist.

Die zweite Säule ist die behutsame Heilung dessen, was verletzt wurde.

Dazu gehören Traumaheilung, die behutsame Auseinandersetzung mit verdrängten oder ungeliebten Seiten und die Begegnung mit inneren Anteilen.

Beide Säulen gehören für mich untrennbar zusammen. Manchmal steht zunächst eine stärker im Vordergrund, manchmal wechseln sie sich ab, und häufig greifen beide unmittelbar ineinander.

Nach meiner Erfahrung wird tiefgreifende Traumaheilung häufig erst möglich, wenn ein Mensch sich Schritt für Schritt wieder mit seinem gesunden Wesenskern verbindet – mit seiner inneren Liebe, seiner inneren Weisheit und dem Teil in sich, der trotz aller Verletzungen heil geblieben ist.

Aus dieser Verbindung heraus können die Reaktionen des Nervensystems und die Verletzungen in der eigenen Lebensgeschichte behutsam wahrgenommen, gehalten und nach und nach integriert werden.

Gleichzeitig vertieft die Heilung dieser Verletzungen den Zugang zum eigenen Wesenskern. Beide Wege nähren und verstärken sich gegenseitig.

Zwischen Licht und Verletzung

Spirituelle Rückverbindung allein genügt aus meiner Sicht nicht. Wenn Spiritualität dazu dient, Schmerz, Wut, Trauer, Scham, eigene Grenzen oder die Reaktionen des Nervensystems zu übergehen, kann sie selbst zu einer Form der Vermeidung werden. In der Traumatherapie wird dies als spirituelles Bypassing bezeichnet.

Es kann geschehen, dass Menschen sich unter dem Einfluss spiritueller Vorstellungen immer stärker zurücknehmen, immer verständnisvoller werden und vor allem das Gute sehen möchten. Nach außen wirkt das häufig liebevoll. Wenn dabei jedoch die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Verletzungen noch weniger Raum bekommen, leidet etwas in ihnen weiter – oft lange unbemerkt.

Irgendwann kann sich dies in Erschöpfung, innerer Leere, aufgestauter Wut oder Bitterkeit zeigen. Auch die starke Beschäftigung mit den Fehlern anderer kann ein Hinweis darauf sein, dass eigene Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen noch keinen ausreichenden Raum gefunden haben.

Ebenso wenig führt es aus meiner Erfahrung weiter, ausschließlich auf Verletzungen, Schutzmuster und die Vergangenheit zu schauen und sich zunehmend über die eigene Leidensgeschichte zu definieren.

Wenn ein Mensch sich immer stärker mit seinem Schmerz, seinen Prägungen oder einem bestimmten Selbstbild identifiziert, können Hoffnung, Lebendigkeit und gegenwärtige Wahlmöglichkeiten aus dem Blick geraten. Dann wird leicht vergessen, dass wir mehr sind als das, was wir erlebt haben – und auch mehr als die Vorstellungen, die wir von uns selbst entwickelt haben.

Heilung bedeutet für mich weder, Schmerz und Verletzungen zu übergehen, noch sich dauerhaft in ihnen zu verlieren.

Sie bedeutet, sich dem Verletzten behutsam zuzuwenden, ohne sich vollständig damit zu identifizieren. Zugleich darf die Verbindung zu dem lebendigen und heil gebliebenen Wesenskern in uns immer wieder gestärkt werden.

So können Vergangenheit und Verletzung ihren angemessenen Platz bekommen, ohne weiterhin das gesamte Leben zu bestimmen. Es entsteht mehr Raum für Gegenwärtigkeit, innere Freiheit und die Möglichkeit, aus einer tieferen Verbindung mit sich selbst heraus zu leben.

Welche Bedingungen braucht Heilung?

Heilung braucht Sicherheit, Zeit, Vertrauen und Mitgefühl. Sie braucht einen Raum, in dem ein Mensch nichts beweisen muss und so da sein darf, wie er im Moment ist.

Verstehen allein reicht jedoch oft nicht aus. Das Nervensystem braucht wiederholte neue Erfahrungen: heute sicherer zu sein, handeln und wählen zu können, Grenzen setzen zu dürfen, Verbundenheit zu erleben und auch mit schwierigen Gefühlen nicht mehr allein zu sein.

Mit jeder dieser Erfahrungen kann sich im Nervensystem und im Menschen selbst etwas neu ordnen und es entsteht ein Stück mehr innere Sicherheit und Freiheit.

Welche Rolle spielt das Nervensystem?

Das Nervensystem entscheidet häufig schneller als unser Verstand, ob wir uns sicher oder bedroht fühlen. Deshalb kann ein Mensch wissen, dass eine Situation heute ungefährlich ist, während sein Körper weiterhin so reagiert, als bestünde Gefahr.

Nachhaltige Veränderung entsteht, wenn das Nervensystem wiederholt erleben darf:

Heute ist etwas anderes möglich als damals.

So können alte Alarm-, Kampf-, Flucht-, Erstarrungs- oder Rückzugsmuster nach und nach an Bedeutung verlieren.

Welche Rolle spielen Körper und Bewusstsein?

Körper, Gefühle, Gedanken und Bewusstsein gehören für mich untrennbar zusammen. Der Körper zeigt häufig schon lange, was in uns geschieht, bevor wir es mit dem Verstand erfassen können.

Bewusstes Wahrnehmen hilft uns, innere Vorgänge zu erkennen, ohne vollständig mit ihnen identifiziert zu sein. Dann wird aus:

Ich bin die Angst.

allmählich:

Ein Teil von mir hat gerade Angst. Und etwas in mir kann diese Angst wahrnehmen, halten und bewusst mit ihr umgehen.

Aus dieser inneren Wahrnehmung entsteht mehr Wahlfreiheit. Wir sind unseren Gefühlen und Schutzreaktionen nicht mehr vollständig ausgeliefert, sondern können ihnen mit größerer Klarheit begegnen und unser Leben bewusster und gegenwärtiger gestalten.

Wie ich arbeite

Ich arbeite nicht nach einem starren Ablaufplan. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Ressourcen und sein eigenes Tempo mit.

Deshalb frage ich nicht zuerst, welche Methode ich einsetzen möchte, sondern:

Wo steht dieser Mensch gerade, und was braucht er jetzt, damit der nächste Entwicklungsschritt möglich wird?

Manchmal geht es zunächst um Sicherheit und Stabilisierung, manchmal um den Körper oder das Nervensystem. Manchmal stehen Gefühle, Beziehungen, Grenzen, Trauer oder Selbstwirksamkeit im Vordergrund.

Zu anderen Zeiten geht es darum, einen ängstlichen oder verletzten inneren Anteil wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ohne sich vollständig mit ihm zu identifizieren. Dann kann neben der Angst oder dem alten Schmerz auch jener Teil in uns stärker werden, der heute wahrnehmen, halten, entscheiden und handeln kann.

So entsteht nach und nach mehr innere Verbindung und die Möglichkeit, wieder Zugang zur eigenen Lebendigkeit, zum Sinn und zur inneren Stimme zu finden.

Die Methode folgt dem Menschen – nicht der Mensch der Methode.

 

Meine Vision

Ich wünsche mir, dass Menschen wieder lernen, sich selbst wahrzunehmen, sich selbst zu vertrauen und ihrem eigenen inneren Kompass zu folgen.

Ich glaube, dass jeder Mensch etwas Einzigartiges in diese Welt mitbringt – nicht, weil er besser ist als andere, sondern weil jeder von uns andere Fähigkeiten, Begabungen und Erfahrungen hat.

Wenn wir wieder mehr aus unserem Herzen und unserem inneren Wesenskern heraus leben, müssen wir uns weniger verbiegen, vergleichen oder beweisen.

Dann dürfen wir das beitragen, wofür unser Herz schlägt. Manche backen Brot, andere begleiten Menschen, wieder andere entwickeln Ideen.

Jeder trägt etwas bei, das nur er auf diese Weise in die Welt bringen kann.

Unsere Unterschiedlichkeit ist kein Problem. Sie ist eine Bereicherung.

Ich wünsche mir eine Welt, in der wir uns nicht vor allem über Leistung, Anpassung oder Perfektion begegnen, sondern von Mensch zu Mensch.

Von Herz zu Herz.

Ich glaube, dass Heilung nicht nur dem einzelnen Menschen dient. Jeder Mensch, der wieder mehr mit sich selbst in Verbindung kommt, verändert auch die Beziehungen, in denen er lebt – und damit ein kleines Stück die Welt.

Wenn ein Mensch wieder mehr aus dem heraus lebt, was sich in ihm wirklich stimmig, lebendig und wahr anfühlt, wirkt sich das auch auf die Menschen und das Leben um ihn herum aus. So kann nach und nach das in die Welt kommen, was auf seine ganz eigene Weise in ihm angelegt ist.

 

 

 

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